Schüler erforschen Zeitgeschichte 1945-85

Aus Dokumentation Obersiebenbrunn
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Schüler der Hauptschule Leopoldsdorf erforschten einen Teil der Obersiebenbrunner Geschichte. Das Zeitfenster war von 1945 bis 1985. Nachfolgende Texte sind eine Abschrift des Abschlussberichtes und noch in der "Alten Rechtschreibung" verfasst und auch belassen.

Deckblatt des Berichtes. Quelle: Mag. Günther Zier

Inhaltsverzeichnis

Projektgruppe OBERSIEBENBRUNN

STANDORTE:
          Volksschule 	Landwirtschaftliche Fachschule
          Gemeindeamt   Bahnhof


PROJEKTLEITER:	HOL Helmut Selbach	HL Renate Bürger
	        HL Renate Potye	        FL Olga Mikulcik

BERICHTERSTATTER:	
Frau Dir. Gertrud Rauch	    Herr Leopold Manschein
Frau Anna Pasl	            Herr Dir. Erwin Gross
Frau Maria Gruß	            Herr Stefan Szelnekovics
Herr Josef Müller	    Frau Maria Zier
Herr Johann Naimer	    Herr Josef Iser
Herr Franz Zier	Frau        Margarete Mitlöhner
Herr Bgm. Josef Slavik	    Frau Elvira Rupp      
Herr Ing. Gerhard Frohner   Frau Emma Lehner
Herr Alois Brandstetter	    Herr Johann Zöhr
Herr Martin Brenner	    Herr Ernst Lehner
Frau Theresia Novovesky	    Herr Ernst Pemp

PROJEKTMITARBEITER:		
Anders Petra	           Iser Michaela	Schinkowitz Doris
Bropst Petra	           Iser Gerlinde	Schreiner Andreas
Bursofski Marianne	   Lichtenecker Claudia	Seibach Christian
Fasl Walter	           Mahdalicek Thomas	Seibach Margarethe
Pasl Werner	           Novovesky Karl	Seit er Daniela
Früh Margit	           Ohnutek Birgit	Slavik Reinhard
Fuchs Michaela	           Pacholik Thomas	Stiegler Birgit
Gajarsky Manuel	           Pottichen Mario	Stoklasek Marina
Gajarsky Ronald	           Pozarek Eva	        Szelnekovics Markus
Gall Jürgen	           Pozarek Susanne	Tronner Diana
Gerschlager Alois	   Radl Johann	        Valasek Thomas
Gerschlager Angelika	   Radl Leopold	        Zapletal Andrea
Gerschlager Franz	   Rambousek Hubert	Zapletal Martin
Gießrigl Michael	   Richter Norbert	Zatschkowitsch Johann
Hopiczan Michael	   Scherzer Andreas	Zier Michael

HILFSMITTEL:
Pfarrchronik Obersiebenbrunn
Auszug aus der Schulchronik - Frau Direktor SR Gertrud Rauch  
                              Frau Direktor Anna Fuchs
Festschrift: 850 Jahre Obersiebenbrunn
Festschrift: 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Obersiebenbrunn
Festschrift: 100 Jahre STEG 187O - 1970 Österreichische Bundesbahn ÖBB 
             Wien - Stadlau - Marchegg
Festschrift: 75 Jahre Landwirtschaftliche Genossenschaft Obersiebenbrunn
Bahnhofschronik ab 1970

Brief der Hauptschuldirektorin Hildegard Traxler

Liebe Mitbürger! Liebe Schülerinnen und Schüler!

Heuer sind es 40 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und 30 Jahre seit dem österreichischen Staatsvertrag. 1945 und 1955 sind Marksteine in unserer Geschichte und Daten, auf die wir stolz sein können.

Aus diesem Grund hielten wir eine kleine Rückschau auf die letzten 40 Jahre unserer Geschichte.

Wir haben selbst erarbeitet, wie es war, als Österreich aus Trümmern erstand. Schüler, Lehrer und Gesprächspartner aus der Bevölkerung der einzelnen Sprengelorte unserer Hauptschule haben mit dazu beigetragen, daß unser Unterrichtsprojekt gelungen ist.

Mit unserem Projekt haben wir die Situation Niederösterreichs nach Kriegsende bis zum Abschluß das Staatsvertrages und die Jahre des Aufschwunges am Beispiel unserer Sprengelorte nachvollzogen.

Lehrer und Schüler wurden überall sehr freundlich aufgenommen, und die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung der Orte Leopoldsdorf , Breitstetten, Obersiebenbrunn, Untersiebenbrunn, Mark-grafneusiedl und Glinzendorf war ganz ausgezeichnet, dafür will ich mich herzlich bedanken.

Mit der Hoffnung auf weitere gute Zusammenarbeit und dem Wunsch auf eine schöne und erfolgreiche Zukunft

grüße ich bestens!
SR Hildegard Traxler, e.h.


Obersiebenbrunn

Kriegsende und neuer Anfang

Im letzten Kriegsjähr 1945 rückte die Front immer näher an unseren Heimatort heran. Alte Männer und junge Burschen wurden noch zur letzten Verteidigung, dem Volkssturm, eingezogen, sodaß es im Ort fast keine Männer mehr gab.

Um Ostern verließen die deutschen Soldaten Obersiebenbrunn, und auch einige Flüchtlinge zogen Richtung Westen. Mit dem Näherrücken der Front fielen die ersten Bomben. Täglich gab es am Vormittag Fliegeralarm, und die Leute brachten sich in Kellern in Sicherheit. Diese Angriffe galten aber meistens der Hauptstadt Wien.

Am ärgsten wurde das Gasthaus Zier beschädigt, weil ein russisches Flugzeug angeschossen wurde und vor seiner Notlandung die Bomben abwerfen mußte, die unglücklicherweise das Gasthaus Zier trafen. Auch die Kirche und andere Gebäude der Ortschaft wurden beschädigt. Es gab wenige Verletzte bei den Bombenangriffen. Zur Verteidigung wurden Straßensperren errichtet, wodurch die Russen aber nicht aufgehalten werden konnten.

Als die Russen in die Ortschaft eindrangen, hatte die Bevölkerung unheimlich große Angst, weil sie nicht wußte, wie sich die fremden Soldaten verhalten würden. Die Russen plünderten die Häuser, stellten die Leute an die Wand and stahlen ihnen Uhren, Fahrräder und andere Wertgegenstände. Die Obersiebenbrunner mußten den Russen Unterkunft gewähren. Die Bevölkerung wurde von den Russen zu Arbeiten herangezogen. Die Arbeiten, die die Männer verrichten mußten, waren meist Aufräumungsarbeiten und Verladearbeiten an den Bahnhöfen. Die Frauen mußten für die Russen waschen, bügeln und kochen. Zum Viehtreiben wurden sogar Kinder herangezogen. Es gab große Verständigungsschwierigkeiten zwischen den fremden Soldaten und der Bevölkerung. Nur wenige Leute konnten sich durch böhmische oder slowenische Sprache verständigen. Die Zentralstellen der russischen Besatzung waren in der Zuckerfabrik und beim Flugzeugbeobachtungsposten außerhalb der Ortschaft.

Die Lebensmittelversorgung war im Ort gesichert, weil fast jeder Nahrungsmittelreserven versteckt hatte. Mit den Zuteilungen der Lebensmittelkarten hätten die Leute nicht ausreichend versorgt werden können. Lebensmittelhilfen aus dem Ausland, wie die UNRRA-Hilfe, trafen nur sehr spärlich ein. Viele Ortsbewohner hatten Äcker and bauten meist Rüben und Kartoffeln an. Die Leute wurden Selbstversorger, sie züchteten Tiere, vor allem Hühner, Schweine, Kühe, Gänse und Enten. In Wien war die Lebensmittelversorgung wesentlich schlechter.

Besonders die Wiener Kinder hatten darunter zu leiden, und oft war das wenige Essen, das sie in der Schule bekamen, die einzige Mahlzeit des Tages. Die Wiener versuchten daher, Nahrung von der Landbevölkerung zu bekommen, und sie tauschten Kleidung, Schmuck und Gebrauchsgegenstände gegen Lebensmittel ein.

Die Leute bezahlten kaum mit Geld, da dieses immer mehr an Wert verlor. Die Regierung versuchte, die Inflation aufzuhalten, indem sie die sogenannte Geldabschöpfung einführte. Dies bedeutete, daß Spareinlagen aus der Zeit vor 1945 zu 60 % vom Staat eingezogen wurden, für die restlichen 40 % erhielt man einen Staatsschuldschein. Spareinlagen aus dar Zeit nach 1945 wurden um 2/3 gekürzt. Diese Maßnahme zeigte aber nur bedingten Erfolg. Die Preise stiegen trotzdem. In dieser schwierigen Zeit hielt die Bevölkerung sehr stark zusammen.

Durch die Einquartierungen mußten oft mehrere Familien in einem Raum zusammenleben. Dabei kam es auch zu Infektionskrankheiten wie Typhus. Die ärztliche Versorgung war unzureichend und einige Leute starben an diesen Krankheiten.

Im Juli 1945 kam der erste Obersiebenbrunner aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Dies war Herr Josef Müller, der 1943 von den Partisanen in Jugoslawien gefangen worden war. Während des Gefangenentransportes nach Prag gelang es ihm, am Wiener Südbahnhof zu fliehen, und er konnte sich nach Obersiebenbrunn durchschlagen. Im Laufe des Jahres 1946 kamen andere Kriegsgefangene und jene Leute, die vor der Front geflüchtet waren, wieder nach Obersiebenbrunn zurück. Es war sehr deprimierend, was sie vorfanden. Die Leute mußten sozusagen vom "Nullpunkt" wieder anfangen.

Sie mußten sich anfangs mit primitiven Mitteln behelfen. Dann wurde wieder mit dem Häuserbau angefangen. Dies war eine schwere Arbeit, denn sie mußten den Schutt zuerst wegräumen. Auch in der Landwirtschaft mußte mit primitiven Mitteln gearbeitet werden. Die Äcker wurden größteils mit Ochsengespannen bearbeitet, da es nur mehr vier Traktoren im Ort gab.

Im Gegensatz zu 1946 war 1947 ein sehr strenger Winter. Dadurch gab es zeitweise keinen Strom, und die Aufbauarbeiten zogen sich hinaus.

Die Straßen waren oft in sehr schlechtem Zustand. Verkehrsmittel gab es sehr wenige, manchmal sah man Pferdegespanne. Die meisten Leute mußten die Strecke nach Wien zu Fuß zurücklegen.

Schön langsam normalisierte sich das Leben in der Gemeinde. Wie in ganz Österreich wurden auch in Obersiebenbrunn viele Neuerungen, besonders auf dem Gebiet der Landwirtschaft, eingeführt, aber endgültige Zufriedenheit stellte sich erst ein, als die Besatzungstruppen Österreich nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages (15. Mai 1955) verließen (26. Oktober 1955).

Das Leben in der Gemeinde

1945 Russenbesetzung

Bürgermeister: Alois Orth (1945 - 1949)

1948 Eröffnung eines Kinos im ehemaligen Landeskindergarten
1949 Bürgermeister: Leopold Radl (1949 - 1950)
1950 Vergabe von Baugründen des Erzbistums Wien (Kardinal-In-nitzer-Siedlung)

Erste Mähdrescher und Beregnungsanlagen
Bürgermeister: Andreas Neuhauser (1950 - 1951)

1951 Bürgermeister: Leopold Radl (1951 - 1956)
1952 Eröffnung des Sportplatzes am Burgstall
1954 Ausbau der Kanalisation
1956 Bürgermeister: Andreas Plappert (1956 - 1982)
1958 Erhebung zur Marktgemeinde (Marktsäule)

850-Jahrfeier Obersiebenbrunn
Ausbau des neuen Zeughauses und Errichtung einer gemeinschaftlichen Tiefkühlanlage ::Erweiterung des Siedlungsgebietes

1960 Ausbau des Straßennetzes, Kinoeröffnung (1960 - 1967)

Verlegung des Gendarmeriepostens (Hauptplatz)

1963 Renovierung des Schloßpavillons (erbaut 1728 von Lucas von Hildebrandt)
1964 Erweiterung des Siedlungsgebietes Errichtung von Windschutzgürteln (50 km)
1965 Einführung der Postleitzahl 2283

Einbeziehung in den Selbstwählverkehr

1967 Bau der Sportanlage

Inbetriebnahme der Kläranlage

1969 Ausbau der Ortsdurchfahrt, Bau der Gemeindestraßen und Gehsteige
1970 Ausbau des Erdgasrohrnetzes
1972 Schließung des Gendarmeriepostens, zuständig nach Leopoldsdorf i. M.
1973 Auflassung des Klosters der Schwestern zum Guten Hirten

Einrichtung einer Müllabfuhr

1974 Erweiterung der Sportanlage durch Tennisplätze
1977 Erweiterung des Siedlungsgebietes (Gänserndorfer Straße)
1980 Erweiterung des Siedlungsgebietes. (Feldgasse)
1981 Bau eines Eislauf-Rollschuhplatzes

Erweiterung des Siedlungsgebietes (Am Anger)

1982 Regierungskommissär; Martin Brenner
1983 Kindergartenneubau

Bürgermeister: Josef Slavik (seit 1983)

1984 Freiwillige Feuerwehr Obersiebenbrunn

100jähriges BestandJubiläum 1884 - 1984
Alois Brandstetter, Ortsfeuerwehrkommandant

1985 Einweihung und Eröffnung der umgebauten und modernisierten Volksschule

und Erinnerung an das 100jährige Bestehen
Dir. Gertud Rauch - Bürgermeister Josef Slavik

Schulleiter
1945 Anna Fuchs
1946 Thomas Czerny
1950 Friedrich Rebensteiner
1952 Alois Prager
1953 Rudolf Starnberger
1970 Raimund Pecek

Gertrud Rauch
Hermann Horak (1970 - 1981)

1981 Gertrud Rauch

Wichtige Ereignisse im schulischen Bereich.

Während des Krieges wurde der Ortsschulrat aufgelöst. Als gegen Kriegsende die Front näherkam, wurde der Schulbetrieb eingestellt. Das Schulgebäude wurde zuerst Flüchtlingslager, dann Soldatenlager und Frontlazarett. Aber bereits im Mai 1945 konnte der Unterricht wieder begonnen werden.

1966 war das letzte Schuljahr mit Oberstufenklassen in Obersiebenbrunn.
1971/72 wurde der Schulverband Obersiebenbrunn -Markgrafneusiedl - Glinzendorf gegründet.
1964 Zubau der Landwirtschaftlichen Fachschule.

Die Pfarrgemeinde

1948 Gründung eines Vereines zur Restaurierung der Kirche(1948-1963)
1953 Neue Kirchenfenster
1957 Neue Kirchenglocken, Neueindeckung des Kirchturmes
1959 Pfarrer: Eduard Riehter(1959-1971)
1960 Errichtung des neuen Pfarrheimes
1962 Innenrenovierung der Kirche
1964 Außenrenovierung der Kirche
1972 Pfarrer: Franz Scharinger(1972-1977)
1978 Pfarrer: Ignaz Horvath(1978-1982)
1982 Eingliederung in den Pfarrverband mit Leopoldsdorf Pfarrer; Miklos Santha


Kulturelles Leben

Vereine, die bereits vor-\1945 gegründet wurden

1922 Musikverein Harmonie
1931 Sportklub Obersiebenbrunn

Vereine, die nach 1945 gegründet wurden

1952 Kraftsport Marchfeld (1952 - 1979)
1967 Kultur- und Verschönerungsverein (1967 - 1978)
1970 Niederösterreichische Naturwacht Marchfeld Mitte
1974 Tennisklub
1975 Volkstanzgruppe Marchfeld
1976 Reisebrieftaubenzüchterverein
1983 Chorgesangsverein "Kalmar-Chor"

Gemeinde Obersiebenbrunn 1945 - 1985

Im Jahre 1945 war die Bevölkerung von Obersiebenbrunn sehr arm. Die Kinder gingen barfuß in die Schule, da viele Kriegerswitwen kein Geld zum Kauf von Schuhen hatten. Ernährung und Bekleidung stellten viele Familien vor große Probleme. Anstelle eines Fußballes gab es für die Buben nur ein "Fetzenlaberl11. Dafür konnten sie aber ungestört auch auf der Straße Fußball spielen, da sie weder durch Autos noch durch Traktoren gefährdet waren.

Auch die Einrichtungen der Gemeinde waren sehr bescheiden. Es gab keinen Kanal, keine Ortsbeleuchtung, keine asphaltierten Straßen und Gehsteige und keinen Schulbus. Die beiden Gemeindebediensteten waren überwiegend damit beschäftigt, die Lebensmittelkarten an die Bevölkerung auszuteilen.

Seit 1945 hat sich aber in der Gemeinde viel verändert und Obersiebenbrunn zeigt sich heute als moderne Gemeinde mit vielen Einrichtungen und Dienstleistungen. Straßen und Gehsteige wurden asphaltiert, die Kanalisation durchgeführt und eine Kläranlage gebaut. Sportanlagen, Tennisplätze und Parks wurden angelegt, Müllabfuhr und Schulbus eingerichtet. Der Kindergarten wurde neu gebaut, die Volksschule renoviert und modernisiert. Die Gemeinde hat heute vier Angestellte, einen Schulwart und eine Kindergärtnerin. 19 Gemeinderäte, darunter der Bürgermeister, Vizebürgermeist er und fünf Geschäftsführende Gemeinderäte sind für das Wohl der 1149 Einwohner und 219 Zweitwohnsitzer tätig.

Ein Höhepunkt in der Gemeinde war die Erhebung zur Marktgemeinde am 3. September 1958. Gleichzeitig wurden der neuen Marktgemeinde die Flaggenfarben Weiß-Schwarz-Blau und das Marktwappen verliehen.

In der Zeit Leopold III. (1096 - 1156) wurde Obersiebenbrunn als "Ze den sieben Brunnen" gegründet. Die Bevölkerung hat oft schwere Zeiten durchgemacht, aber immer wieder haben seine Einwohner ihrem Heimatort die Treue gehalten. Er wird sicher: als Marktgemeinde Obersiebenbrunn den Schülern, denen Bürgermeister Josef Slavik aus der jüngsten Geschichte erzählte, Heimat und Mittelpunkt ihres Lebens sein.


Auszug aus der Schulchronik 1945

Der Zweite Weltkrieg ging auch an unserem Heimatort nicht spurlos vorüber. Bei einem Luftangriff auf Wien im Sommer 1944 wurden auch über unserer Ortschaft einige Bomben abgeworfen (Notabwürfe eines brennenden amerikanischen Flugzeuges). Dabei wurden die Häuser Nr. 35, Nr. 75, Nr. 28 getroffen.

1945

Die Kriegsereignisse dieses Weltkrieges überstürzten sich von Tag zu Tag. Die Front kam immer näher. Deshalb wurde der Unterricht am 17. März 1945 an unserer Volksschule geschlossen. Am 1. April wurde die Eisenbahn sowie jede Autobuslinie nach Wien eingestellt. Nach den Osterfeiertagen spürte man den Rückzug des deutschen Heeres immer mehr. Tag und Nacht rollten die Wagenkolonnen gegen Wien. Am 8. April (Sonntag) flüchtete der größte Teil der Dorfbevölkerung bis auf ca. 80 Personen nach dem Westen. Das eigentliche Flüchtlingsziel war Zwettl, jedoch erreichte der größte Teil nur Korneuburg und Stockerau. Auch Richtung Mistelbach fuhr ein Flüchtlingsteil, der jedoch nach einigen Tagen schon zurückkehrte, während es bei all den anderen wochenlang dauerte. Die Nacht vom 8. auf den 9. April zeigte ein schauerliches Bild. Die Dörfer gegen Osten: Untersiebenbrunn, Schönfeld und Lassee standen an Flammen. Die Wohnungen hier waren alle leer, jeder hatte sein Lager schon im Keller eingenommen. Am 9. April nachmittags kamen die ersten Russen nach Obersiebenbrunn. Auf der Untersiebenbrunner Straße war der Kampf hart. Die Deutschen leisteten hinter der Parkmauer heftigen Widerstand. Die Häuser wurden durchschossen. Es gab Tote auf beiden Seiten. Die Russen wurden unter militärischen Ehren auf dem Kirchenplatz und auf dem alten Ortsfriedhofe beerdigt.

In den Hauskeller des Herrn Vorlicek auf der Gänserndorfer Straße fiel während der Kampfhandlungen ein Sprengkörper, wobei drei Kinder tödlich und mehrere schwer verletzt wurden.

Schule und Kindergarten waren bis jetzt Feldlazarett der Deutschen. Das Rote Kreuz der Russen wurde das Haus Nr. 34. Von Leopoldsdorf zog sich das Sprengkommando zurück, das die Rußbachbrücke und die Zuckerfabrik selbst sprengte. Die Bahnstrecke Marchegg - Wien Ost war alle 20 Meter gesprengt. Über dem Rußbach flog jeder Steg in die Luft. Nachmittag kamen die Russen vom Bahnhof in das Dorf. Alle Keller wurden nach deutschen Soldaten durchsucht. Ungarn kamen aus ihren Verstecken und ergaben sich. Die Russen schüttelten ihnen die Hände. Ukrainische Arbeiter begrüßten ihre Landsleute. Russische Artillerie ging in der Ortschaft in Stellung und begann den Beschüß der deutschen Linie. Dadurch gingen fast sämtliche Fensterscheiben in Trümmer. Die Russen marschierten gegen Markgrafneusiedl. Harte Kämpfe erfolgten in der Kegelstatt (Waldende in Gegenliesen!). Dort liegen mehrere deutsche und russische Soldaten begraben. An den folgenden drei Tagen bombardierten deutsche Flieger die russischen Nachschublinien. Dabei wurden auch in unserer Ortschaft einige Häuser getroffen (Nr. 25, 75, 70, 85 und 51).

Kirche, Schule und die leerstehenden Häuser wurden zum größten Teil ausgeplündert. Die restlichen Lehrmittel unserer Volksschule wurden aus dem Durcheinander auf dem Schuldachboden hervorgeholt, was nur bei besonderer Vorsicht erfolgen konnte, da es dort oben ein heilloses Durcheinander von Sprengkörpern und Waffen aller Art sowie Stroh, Kohle, Bücher, Chemikalien, zerbrochenes Glas usw. gab.

Als Bürgermeister wurde Herr Alois Orth von den Russen eingesetzt, 17 Mann Ortspolizei aufgestellt, geführt von Herrn Kalina. Ihre Aufgabe war, die übrigen Dorfbewohner zur Arbeit zu holen und einzuteilen (Säuberungsaktionen der leerstehenden Häuser). Am 8. Mai wurde der Waffenstillstand zwischen Deutschland und den Alliierten unterzeichnet.

Am 22. Mai begann wieder der Unterricht. Da nur ich als einzige Lehrkraft und auch nur ein Klassenraum zur Verfügung standen, wurde der Unterricht wie folgt aufgenommen: Montag und Donnerstag 1. Klasse, Dienstag und Freitag 2. Klasse, Mittwoch und Samstag 3. Klasse.

Später wurden nachmittags Übungsstunden für die 1. Klasse eingerichtet, die die Hauswirtschaftslehrerin Frau Anna Lahner aushilfsweise hielt.

Der Schüler Gajarszky Alfred (7 Jahre alt) verunglückte tödlich durch eine Handgranate, mit der er zu Hause spielte. Sein Bruder (13 Jahre alt) wurde dabei schwer verletzt. Auch Bednar Erna (13 Jahre alt), die im selben Gebäude wohnte, erlitt durch den Luftdruck der Detonation innere Verletzungen und starb nach einigen Tagen im Allgemeinen Krankenhaus.

Im Sommer 1945 brach auch in unserem Orte Typhus aus. Herrn Pragers Haus wurde Typhusspital. Krankenpflege hielten die Klosterschwestern. Von Erkrankten starben: Doleschal Franz Alfred, Hofer Grete und Rosi.

Am 4. August war Schulschluß. Am 10. September begann das neue Schuljahr. Fr. Helma Mitlöhner wurde unserer Schule zugewiesen. Die drei Klassen konnten nun auf zwei Lehrer aufgeteilt werden. Jetzt gab es doch schon Papier und sogar einzelne Hefte. Bis -jetzt wurden die Schul- und Hausübungen nur auf Zettel aller Art und Zeitungsrändern geschrieben.

Am 25. November fanden die ersten Gemeinde- und Nationalratswahlen statt. Am 28. Jänner 1946 übernahm Herr Thomas Czerny die Schulleitung. Fr. Helma Mitlöhner wurde der Schule in Untersiebenbrunn zugeteilt.

Anna Fuchs, e.h.
prov. Leiterin vom 10. 9. 1945 bis 27. 1. 1946

Einlageblatt zur Schulchronik Obersiebenbrunn

Im Laufe des Schuljahres 1945/46 wurden die ärgsten Kriegsschäden am Schulgebäude ausgebessert. Das Dach, das durch Geschoße teilweise wie gesiebt war, wurde instandgesetzt. Durch einen glücklichen Kauf von Fensterglas konnten die meisten Fenster wiederhergestellt werden. Schulmatrik und Teile der Schulchronik sowie die meisten Wandbilder, alle Landkarten bis auf eine, die gesamte Schülerbibliothek sowie ein Teil der Lehrerbibliothek gingen im Kriege verloren.

Als Lehrkräfte waren zu Anfang des Schuljahres die Lehrerinnen Helma Mitlöhner und Anna Fuchs, letztere als Leiterin bestellt. Am 28. Jänner 1946 kam der heimgekehrte Thomas Czerny an die Stelle der Lehrerin Helma Mitlöhner.


Die Entwicklung der Landwirtschaft von 1945 bis 1985

Zum zweiten Mal in diesem, Jahrhundert tobte von 1939 bis 1945 der Krieg. Auch diesmal forderte er von Obersiebenbrunn seinen Tribut. Die Front kam immer näher. Am Montag, dem 9. April 1945 um 13.30 Uhr war der Ort durch die Russen besetzt. Zu diesem Zeitpunkt war der Großteil der Bevölkerung geflüchtet, nur wenige versteckten sich und suchten Schutz in den Kellern.

Anfang Mai kehrten die Bewohner wieder zurück und fanden teilweise leere und geplünderte oder von den Russen belegte Häuser vor. Die Tiere waren aus den Stallungen getrieben und geschlachtet worden. Hausrat fehlte, und den verängstigten Eigentümern wurde bestenfalls gestattet, den kleinsten Raum ihrer Häuser zu bewohnen. Auch wurden sie zu Arbeiten für die Besatzungsmacht herangezogen, für die sie nicht entlohnt wurden, manchmal bekamen sie für ihre Tätigkeit Essen.

Im Frühjahr 1945 wurde der Schulbetrieb in der landwirtschaftlichen Fachschule eingestellt, da die meisten Schüler eingerückt waren. Über ein Jahr waren Russen im Schulgebäude untergebracht, und die Schule war Stützpunkt der russischen Kommandantur . Trotz dieser tragischen Umstände faßte die Bevölkerung wieder Mut und begann unter härtesten Bedingungen mit dem Aufbau der Landwirtschaft.

Im Frühsommer 1945 wurden wieder Felder bebaut und versucht, möglichst viel zu produzieren, da die Stadtbevölkerung hungerte. Sämtliche Arbeiten mußten händisch verrichtet werden, da kaum Maschinen vorhanden waren.

Zu diesem Zeitpunkt waren ca. 37 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, im Gegensatz zu heute, wo es nur mehr 8 % sind. Doch nicht nur Erwachsene und Jugendliche, sondern auch Schulkinder halfen aktiv mit, indem sie Schädlinge zu vernichten versuchten. Kinder bekamen manchmal tagelang schulfrei, um Kartoffelkäfer auf den Stauden abzuklauben. Die Kartoffelkäfer wurden während des Krieges von den Amerikanern abgeworfen, um die Ernährungsbasis der Österreicher zu zerstören.

Auch Maikäfer verursachten durch Blätter- und Wurzelfraß schlimme Schäden. Deshalb wurden sie von den Kindern von den Bäumen geschüttelt, in Wasser ertränkt und als Hühnerfutter verwendet. Außerdem sammelten die Kinder in ihrer ohnehin kargen Freizeit Heilkräuter, weil es kaum Medikamente gab.

Auch für die Landwirtschaftliche Genossenschaft Obersiebenbrunn brachte das Kriegsende katastrophale Folgen. Der Betrieb Lassee brannte vollständig aus, alle anderen Betriebe erlitten schwere Schäden durch Plünderungen und Beschädigungen von Betriebseinrichtungen. Die Kriegsschäden bezifferte man mit rund acht Millionen Schilling. Dennoch gelang es 1945 alle Betriebe, wenn auch notdürftig, in Gang zu bringen, obwohl es überall an landwirtschaftlichen Erzeugnissen und an Bedarfsartikeln fehlte.

Im Jahre 1948 trat der "Marshall-Plan" in Kraft. Den Landwirten wurden Maschinen, z. B. mit Petroleum betriebene, metallbereifte "Fordson"-Traktoren, Saatgut und Düngemittel von den Amerikanern zur Verfügung gestellt, weil diese erkannt hatten, wie wichtig es für alle ist, die Landwirtschaft wieder aufzubauen.

Trotz aller Bemühungen und Hilfsmaßnahmen war 1946 die katastrophalste Ernte, weil zudem auch noch der Regen ausblieb und es keine Bewässerungsmöglichkeiten gab.

In diesem Jahr wurde versucht, den desolaten Zustand der landwirtschaftlichen Fachschule zu beseitigen, und am 12. November 1946 eröffnete Dir. Dipl.-Ing. Dr. Josef Walek die Bäuerliche Fachschule Obersiebenbrunn mit dem ersten Lehrgang nach Kriegsende, der von 27 Schülern besucht wurde und bis zum 15. August 1947 dauerte. Zu dieser Zeit arbeiteten viele Frauen bei der Schule mit, wobei sie fast alle Arbeiten händisch verrichteten. Auch die Ernte wurde manuell durchgeführt, das wenige Getreide war bald eingebracht.

Vom 24. November bis 20. Dezember 1947 wurde ein landwirtschaftlicher Heimkehrkurs für Bauernsöhne und Landarbeiter durchgeführt. In diesem Jahr sah man auch schon die ersten "Steyr"-Traktoren auf großen Betrieben im Ort, die Ochsen und Pferde ablösten. Dennoch gestaltete sich das Arbeiten damit problematisch, da es oft an Treibstoff mangelte.

Mit Jänner 1948 begann der regelmäßige Betrieb der einjährigen Ackerbauschule,wo der Schüler Gelegenheit hatte, das im Unterricht Gelernte in der angeschlossenen Schulwirtschaft während einer ganzen Vegetationsperiode mitzuerleben.

Außerdem gelang es bis zum Jahre 1948, fast alle Kriegsschäden bei den niederösterreichischen Lagerhäusern zu beheben.

Im Jahre 1949 kaufte Herr Szelnekovits den ersten Bindemäher, gebraucht, um einen Preis von S 5.000,-, den er mit Pferden bespannte. Um die Arbeit zu erleichtern, borgte er von einem Freund ein Paar Pferde und arbeitete mit ihm zusammen.

Ebenfalls in diesem Jahr erwarb Herr Iser seinen ersten neuen Traktor, 30er Steyr um einen Betrag von S 50.000,.-, der bereits mit Gummireifen ausgestattet war. Gleichzeitig bemühten sich die Bauern, wieder möglichst viel Vieh einzustellen, so tauschte z. B. Herr Iser 350 kg Frucht gegen einen Ochsen.

Bis 1950 war die Landwirtschaft trotz der schwierigen Verhältnisse soweit wieder aufgebaut, daß die Bewohner zu 80 % Selbstversorger waren und nicht wie die Wiener von den Besatzungsmächten verpflegt werden mußten.

Wiener suchten in den ersten Nachkriegs jähren regelmäßig die Landbevölkerung auf, um Stoffe, Schmuck, Wertgegenstände und sogar Klaviere gegen Nahrungsmittel zu tauschen. Dieses Jahr (1950) brachte auch die ersten Mähdrescher in das Dorf, die Besitzer waren die Bäuerliche Fachschule und Kammerrat Leopold Ricker, ebenso wurde durch die Fachschule die erste Feldberieselungsanlage im Marchfeld angelegt.

Nun waren die ärgsten Kriegsschäden überwunden, das Leben normalisiert, und die beginnende Mechanisierung stellte neue Aufgaben.

Seit dieser Zeit ist in ganz Niederösterreich eine stürmische Aufwärtsentwicklung der Lagerhausgenossenschaften zu verzeichnen. Die Einführung der Mähdrescher führte zu spontanen Auslieferungen der Ernte, sodaß zusätzliche Lagerräume errichtet werden mußten. (1952 in Orth a. d. D., 1953 in Breitstetten).

Man benötigte jetzt nicht nur größere Getreidelager, sondern auch Reinigungs- und Trocknungsanlagen. So wurde 1955/56 mit einem Kostenaufwand von 3,2 Millionen Schilling der total beschädigte Silo in Lassee mit einem Fassungsvermögen von 170 Waggon neu erbaut.

Nach schwierigen Verhandlungen mit den Besatzungsmächten wurde am 15. Mai 1955 der Staatsvertrag unterzeichnet, und am 26. Oktober 1955 verließ der letzte ausländische Soldat Österreich. Ein Gefühl der Erleichterung machte sich bei der Bevölkerung breit, und der Aufbau wurde auf Zukunft ausgerichtet und intensiv weiterbetrieben.

Ab dem Jahre 1955 schritt die Genossenschaft zum Aufbau der Schädlingsbekämpfung. Es wurden insgesamt 21 Großspritzgeräte angekauft, da ohne Spritzmittel den Schädlingen und Unkräutern nicht mehr beizukommen war.

Die ständig wachsende Mechanisierung und Motorisierung der Landwirtschaft verlangte auch Treibstofflager und Tankstellen, um den Treibstoffbedarf zu decken.

1956 erhielten fast alle 27 Ortschaften des Genossenschaftsgebietes Dieseltankstellen. Da nun im Marchfeld immer mehr und größere Mähdrescher zum Einsatz kamen, mußten weitere Anlagen zur Getreideübernahme und Speicherung errichtet werden.

1958/59 wurde der 51 m hohe Getreidesilo in Obersiebenbrunn erbaut, der danach der größte genossenschaftliche Silo Niederösterreichs war.

1960 verzeichnete die Genossenschaft mit sieben Lagerhausbetrieben, einer Mühle und einer Werkstätte einen Umsatz im Wert von 90 Millionen Schilling.

In den folgenden Jahren stieg die Produktion in der Landwirtschaft immer weiter an, sodaß heute nahezu die umgekehrte Situation zu beobachten ist, und Österreichs Landwirtschaft Überschüsse erzielt.

Konnte vor 40 Jahren pro Hektar ein Ertrag von 2OOO kg Frucht erzielt werden, so ist es heute mindestens zwei- bis drei Mal so viel, und ein Fünftel unserer Getreideernte wird ausgeführt und größtenteils nach Rußland exportiert.

Interessanterweise ist die Sowjetunion heute noch nicht in der Lage, sich selbst zu ernähren und im Vergleich zu Österreich genügend zu produzieren. Letztlich sei als Beispiel noch angeführt, daß Österreich siebenmal mehr Zuckerertrag pro Einheit erzielt als die Sowjetunion.

Obersiebenbrunn - Bahnhof

Der Bahnhof Siebenbrunn-Leopoldsdorf liegt an der Ostbahnlinie, die von Wien über Marchegg nach Preßburg führt. Während des Krieges fuhren unzählige Züge mit Soldaten an die Ostfront hier durch. Die Züge wurden von Dampflokomotiven gezogen, die Soldaten waren in Viehwaggons untergebracht. Die Züge wurden von russischen Tieffliegern beschossen. Dabei wurde der Oberbau der Geleiseanlagen beschädigt, das Bahnhofsgebäude erlitt nur geringfügigen Schaden.

Als 1945 die Front immer näher kam, wurde die Eisenbahnbrücke über den Rußbach von der deutschen Wehrmacht gesprengt und damit die Verbindung nach -Wien unterbrochen. Am 9. April 1945 stürmten die russischen Soldaten den Bahnhof. Es kam zu Feuergefechten mit den zurückflüchtenden deutschen Soldaten. Die Zivilbevölkerung hatte sich in den Kellern ihrer Häuser versteckt. Auf der Straße vor dem Bahnhof blieb ein deutscher Panzerspähwagen liegen. Der Bahnhof wurde von sowjetischen Soldaten besetzt.

Im Herbst 1945 wurde an Stelle der gesprengten Brücke über den Rußbach eine provisorische Holzbrücke gebaut, über die Züge mit verminderter Geschwindigkeit fahren konnten. Damit war die Verbindung mit Stadlau-Wien hergestellt. Hunderte Pendler fuhren täglich mit der Bahn in die Bundeshauptstadt Wien zur Arbeit. Auch der Güterverkehr nahm einen starken Aufschwung. Während der Zuckerkampagne wurden die Zuckerrüben der Umgebung mit Güterwaggons in die Zuckerfabrik geliefert. Zur Zeit der Getreideernte werden täglich bis 60 Waggons mit Getreide befördert, jährlich treffen 100 bis 120 Wagen Handeisdünger ein.

Als man am 24. November 1970 am Bahnhof Siebenbrunn - Leopoldsdorf das 100jährige Bestehen der Eisenbahnlinie Wien - Stadlau - Marchegg feierte, waren die schweren Jahre des Krieges und der Nachkriegszeit bereits vergessen.

Mit dem zweijährigen Sohn auf der Flucht

Die Familie Novovesky flüchtete am 8. April 1945 aus Obersiebenbrunn, am 9. April waren bereits die russischen Soldaten im Dorf. Da die Tischlerfamilie keine Pferde besaß, wurden sie von Verwandten mit dem Pferdewagen mitgenommen. Sie kamen aber nur bis Karnabrunn. Hier holten sie die Russen ein und nahmen ihnen Pferde samt Wagen ab. Am 22. April 1945 kehrten sie mit einem Handwagerl, auf dem der zweijährige Sohn saß und einige Habseligkeiten gepackt waren, nach Obersiebenbrunn zurück.

Hier war ihr Haus von den Russen besetzt. Da die Familie Novovesky keine Bauern waren, bereitete die Ernährung große Sorgen. Sie lebten vielfach von Geschenken von Verwandten und Bekannten. Um 1 Liter Milch für den Sohn zu bekommen, mußte sich Frau Novovesky um drei Uhr früh beim Milchhaus anstellen. Der schwerste Schicksalsschlag war die Erkrankung des Ehemannes an Typhus. Nachdem ihn in Wien sechs Spitäler wegen Überfüllung abgewiesen hatten, kam er im 7. Bezirk in das Spital. Jede Woche ging Frau Novovesky zu Fuß von Obersiebenbrunn nach Wien, um ihren Mann zu besuchen.

Im Dorf waren bereits vier Menschen an Typhus gestorben, zwei Töchter der Familie Hofer und je ein Kind der Familien Pozarek und Dolezal.

Eine Sammlung unter den wenigen Hühnerbesitzern ergab 13 Eier. Damit backte Frau Novovesky einen Kuchen und ging damit wieder zu Fuß nach Wien in das Spital.

Nach sechs Wochen kam endlich der Mann wieder gesund zurück. Langsam normalisierte sich das Leben im Dorf. Im Juni 1945 gab es wieder Lebensmittelkarten. Ab 1946 erhielt Herr Novovesky wieder Material für seinen Tischlereibetrieb. Im selben Jahr erhielt die Familie Novovesky auch die österreichische Staatsbürgerschaft , der Gatte stammte nämlich aus der Tschechoslowakei und hatte die tschechische Staatsbürgerschaft.

Ein Obersiebenbrunner kommt in drei Erdteile

Martin Brenner mußte im Jahre 1941 zur Luftwaffe einrücken. Auf unfreiwillige Weise lernte er viele Länder Europas, aber auch Afrika und Amerika kennen. Deutschland, Niederlande, Frankreich und Italien waren seine ersten Stationen. Im Jahre 1942 bestand er die Unteroffiziersprüfung und erhielt 14 Tage Urlaub. Für lange Zeit sah er seinen Heimatort Obersiebenbrunn und seine Familie zum letzten Mal. Am Heiligen Abend 1942 wurde seine Kompanie mit Transportmaschinen JU 52 von Neapel nach Tunis in Afrika gebracht. Am 20 April 1943 wurde ein Großangriff gemacht, der der Kompanie ca. 50 % Tote und 30 % Verwundete brachte. Der Rest, darunter befand sich glücklicherweise Martin Brenner, kam in Gefangenschaft. Von Tunis ging es nun mit der Eisenbahn in Viehwaggons nach Casablanca. Hier wurden 5000 Kriegsgefangene auf ein Schiff gebracht, das am 17. Mai 1943 von Casablanca wegfuhr. Nur eine Stunde pro Tag durfte jeder Gefangene an Deck gehen. Hier traf Herr Brenner seinen Schulkameraden Johann Zou-bek aus Leopoldsdorf i. M.

Am 1. Juni 1943 hatte das Schiff New York erreicht, und die Gefangenen wurden mit der Eisenbahn in ein Lager nach Texas gebracht. So erlebte Herr Brenner auch Amerika, und hier ausgerechnet Texas, das wir nur aus der Fernsehserie "DALLAS" kennen. Nachdem er auch noch bei der Zuckerrohrernte in Louisiana eingesetzt worden war, ging es endlich im August 1946 zurück in die Heimat- mit dem Schiff von Boston nach Le Havre und mit der Eisenbahn weiter nach Österreich. Als Herr Brenner in Enns die Demarkationslinie überschritt, sah er zum ersten Mal einen russischen Soldaten. Hier wurde ihm erst so richtig bewußt, daß er wohl drei Erdteile kennengelernt hatte, ihm aber die Reise nach Rußland und eine Gefangenschaft in Sibirien erspart wurde!

Am 6. August 1946 war er endlich wieder daheim bei seiner Familie in Obersiebenbrunn. Hier wartete aber viel Arbeit auf ihn. Der gesamte Viehbestand war im April 1945 verloren gegangen und mußte zuerst wieder angeschafft werden. Im August 1946 hatte die Familie Brenner bereits zwei Pferde, eine Kuh und zwei Schweine. Im Jahre 1953 kaufte Herr Brenner seinen ersten Traktor, Steyr 30 PS, im Jahre 1955 einen Mähdrescher und seinen Traktor mit 60 PS. Herr Brenner Martin baut vor allem Weizen, Zuckerrüben und Kartoffeln.

Bis 1950 war Herr Brenner aktiver Fußballspieler in der 1. Mannschaft des SC Obersiebenbrunn.

Seit 1980 ist er nunmehr in Pension und denkt oft an seine unfreiwillige Reise durch Europa, Afrika und Amerika als Brenner Martin jun.

Manchmal denkt er auch daran, diese Reise als Brenner Martin sen. zu wiederholen. Die Schüler der Hauptschule Leopoldsdorf, denen er seine Erlebnisse erzählt hatte, wünschen ihm dies von ganzem Herzen, vor allem weil diese zweite Reise sicher ohne Maschinengewehrfeuer und Granatenhagel ein schönes Erlebnis wäre.

Der weite Weg des kleinen Dackels Seppl

Es war im Frühjahr 1945. Die sowjetischen Truppen hatten bereits March und Donau überschritten und waren im Vormarsch nach Westen. In Obersiebenbrunn ordneten die Offiziere der deutschen Wehr-macht an, daß alle Einwohner samt Pferden und Rindern den Ort in Richtung Westen zu verlassen haben. Die Befehlshaber der deutschen Wehrmacht planten nämlich, die russischen Angreifer zurückzuschlagen, um Wien zu schützen.

Die Bauernfamilie Frohner besaß damals drei Pferde, zwei Ochsen, acht Kühe, drei Kälber, 20 Schweine und den Dackel "Seppl".

Am 8. April 1945 mußten sie ihren Heimatort mit dem Pferdewagen verlassen. Der damals 14jährige Gerhard Frohner mußte mithelfen, die Rinder von Obersiebenbrunn wegzutreiben. Am 9. April marschierten die sowjetischen Truppen in Obersiebenbrunn ein.

Die Familie Frohner kehrte am 9. Mai 1945 wieder nach Obersiebenbrunn zurück. Sie fanden ein leeres Haus vor. Sämtliche Tiere waren weg, die Ställe standen leer. Nur der kleine Dackel Seppl begrüßte die Heimkehrer mit freudigem Gebell. Von allen Tieren war er allein übrig geblieben.

Erst nach 15 Jahren erfuhr Herr Ing. Frohner, daß Seppl von einem russischen Dienstmädchen und einem polnischen Arbeiter nach Polen mitgenommen wurde. Aber auch Seppl mußte das Heimweh gepackt haben, denn er kehrte auf seinen kurzen, krummen Dackelbeinen nach Obersiebenbrunn zurück.

Da faßte auch die Familie Frohner neuen Mut und begann ihre Landwirtschaft wieder aufzubauen. Im Juli 1945 erhielt die Familie Frohner zwei Pferde, mußte aber einmal in der Woche eine Spitalsfahrt nach Wien durchführen. Nach kurzer Zeit wurden ihnen die beiden Pferde von sowjetischen Soldaten wieder weggenommen.

Im Jahre 1946 hatten sie bereits zwei Ochsen, eine Kuh, ein Kalb und fünf Schweine. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wurde auf den Feldern gearbeitet, denn die gesamte Ernte mußte mit der Sense eingebracht werden. Man schaute damals bei der Arbeit nicht auf die Uhr, denn die Uhren wurden alle von den russischen Soldaten abgenommen!

Ing. Frohner kaufte im Jahre 1950 seinen ersten Traktor und im Jahre 1954 den ersten Mähdrescher. Heute hat er vier Traktoren und baut auf 110 ha Ackerland, vor allem Getreide, Zuckerrüben, Kartoffeln und Gemüse.

So hat Herr Ing. Frohner seine Landwirtschaft mit viel Mühe, Fleiß und Können zu einem modernen Betrieb ausgebaut.

Bei der Bewältigung dieser schwierigen Aufgaben hatte Herr Ing. Frohner oft an den kleinen Dackel Seppl gedacht, der mit seinen kurzen, krummen Beinen den Weg von Polen nach Obersiebenbrunn geschafft hatte.

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